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Dieser berühmte Tenor singt ein Loblied auf Berlin


Kein Tenor erlebt gerade einen derart kometenhaften Aufstieg wie Benjamin Bernheim (34). Der Franzose mit Vorfahren aus dem Elsass wird von Kritikern bereits als neuer Pavarotti bezeichnet, seine Technik sei so rein wie die des jungen Plácido Domingo. Am Sonntag singt er in der Staatsoper den Rodolfo in Puccinis „La Bohème“. Der Mann wirkt lässig in Jeans und Sweatshirt-Jacke, er sagt über seine Rolle in dem beliebten Werk: „Es ist nicht einfach, die Oper gehört zu den meistgespielten der Welt, für das Publikum ist sie vielleicht nichts Besonderes mehr. Die Partie des Rodolfo ist stimmlich die Tür zum Verismo, nicht mehr lyrisch, extrem romantisch, extrem schmalzig.“

In der Geschichte geht es um vier arme junge Leute, die in einer kalten Pariser Mansarde leben. Bernheim holt aus: „Auch wenn ich nicht weiß, was es heißt, so zu leben, versuche ich, das so authentisch wie möglich zu singen, ich will es in meinen einfachsten Farben halten. Bloß nicht überladen!“

Das klingt sehr bescheiden,und darin liegt vielleicht das Geheimnis seines Erfolges. Wie die meisten Stars, die plötzlich in aller Munde sind, brauchte auch Bernheim über zehn Jahre harter Arbeit, um dies zu erreichen.

Er studierte in Lausanne, bekam 2008 ein Engagement in Zürich,hat seither an der Scala, in Co-
vent Garden, in Paris und Wien, auch in Berlin bereits an der Deutschen Oper und Unter den Linden gesungen. Sein Glück, so sagt er: „Ich habe viele Farben in der Stimme und kann sie mischen, wie ein Maler an der Palette. Aber ich höre mich sehr ungern. Ich habe meine Stimme nie gemocht.

Auftreten und Singen ist eine Sache, aber mir selbst zuzuhören ist wie ein Nacktfoto von mir anzuschauen. Man sieht lauter Unvollkommenheiten.“

Die vielen Lobeshymnen, die gerade über ihn hereinbrechen, freuen ihn natürlich trotzdem, aber er sagt: „Das ist alles sehr schön, aber ich versuche da emotional Abstand zu halten. Die größte Gefahr für mich wäre, mich in das zu verlieben, was ich tue. Eitelkeit und Selbstgefälligkeit sind die größten Feinde.“

Dabei wurde ihm der Gesang fast in die Wiege gelegt. Der Sohn eines Bankers und einer Musikpädagogin wuchs in Genf auf, spielte Geige und Klavier. „Als ich elf Jahre alt war,schlugen mir meine Eltern einen Deal vor. Ich darf Tennis spielen, wenn ich auch im Chor singe.“

Der Rest ist Geschichte, mit elf Jahren stand er am Grand Théâtre in Genf zum ersten Mal auf der Bühne, trat in „Turandot“ und „Cavalleria Rusticana“ auf. „Mich faszinierte damals gar nicht so sehr das Singen, sondern das Theater an sich. Der Moment, in dem das Orchester seine Instrumente stimmt, ist für mich bis heute magisch“, schwärmt
Bernheim.

Nur ein großes Opernhaus fehlt ihm noch, die New Yorker Met. Der Sänger, der mit seiner Familie in Zürich lebt, ist nämlich ungern so lang und weit von zu Hause weg. 2020 soll es mit New York aber endlich klappen. Gut für Berlin, dass der Mann ungern so lange verreist. Nach „La Bohème“ sind im Januar noch Auftritte in „La Traviata“ an der Lindenoper geplant. „Ich liebe Berlin!“, sagt der Star-Tenor. „Hier kleidet und frisiert sich jeder wie er will, man sieht gleichgeschlechtliche Paare auf der Straße, das alles wird respektiert. Berlin ist wirklich frei.“