Press

Feature

Auf der Suche nach besonderen Farben


 

In der vergangenen Spielzeit debütierte der französische Tenor Benjamin Bernheim – mit großem Erfolg – als Nemorino in Donizettis L’elisir d’amore an der Wiener Staatsoper. Mit großem Rollengepäck kehrt er nun wieder ans Haus am Ring. Im Interview erzählt er über seinen Abschied von Mozart, über die Wahl der richtigen Farben und die großen und kleinen Schritte seiner Karriere.

Wenn man über Sie spricht, fällt bald der Begriff „französischer lyrischer Tenor“. Beim lyrischen Tenor stellen sich keine Fragen, aber durchaus beim „französisch“: ist das nur eine Ortsbezeichnung oder ist französisch-lyrisch ein Kategoriebegriff? Im Unterschied etwa zu deutsch-lyrisch?
Benjamin Bernheim: Ich denke, das „französisch“ ist an sich keine eigene Kategorie in dem Sinne, dass es sich von einer anderen Art des Lyrischen unterscheiden würde. Ein lyrischer Tenor ist ein lyrischer Tenor, egal ob er aus Frankreich, Österreich oder sonst woher kommt. Doch ist dieses „französisch“ dennoch mehr als ein reiner Ortbegriff, es hat mit der Sprache zu tun – und auch mit einem bestimmten Repertoire. Französisch ist meine Muttersprache, daher auch die Sprache, die ich am besten spreche; und das Französisch ist ein Signal in Richtung französisches Repertoire, das ich sehr schätze und dem ich mich in Zukunft auch verstärkt widmen möchte.
Das besondere Hervorheben der Sprache weist darauf hin, dass es entsprechende diesbezügliche Implikationen auf die musikalische Interpretation gibt?
Benjamin Bernheim: Grundsätzlich versuche ich, nicht nur französische Libretti sprachlich möglichst perfekt zu singen, sondern auch anderssprachige. Das Ziel muss sein, dass ein Zuhörer bei deutschen Opern nicht merkt, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist, ein italienischer Zuhörer nicht, dass Italienisch nicht meine Muttersprache ist und so weiter. Daran arbeite ich sehr intensiv. In puncto Implikationen auf die musikalische Seite würde ich sagen, dass es hier um den „Geschmack“ einer Sprache beziehungsweise um entsprechende Farben geht. Jede Sprache hat ihre speziellen Farben. Wenn ich nun bestimmte Schattierungen in französischsprachigen Opern erarbeite, dann kann ich diese nicht 1:1 auf deutsche Opern anwenden. Sondern, aufgrund der anderen Sprache, braucht die Musik auch andere Farben. Die Bedeutung der Sprache liegt also auch im Unterschied der musikalischen Interpretation.
Sie singen in der nächsten Zeit in Wien drei Partien: Tamino, Nemorino und Rodolfo. Da wir über Farben sprechen – wie schaut es hier mit diesen aus?
Benjamin Bernheim: Sie haben zunächst einmal eine Verbindung, das ist die Jugend, die Frische der drei Figuren. Sie sind über ihre noch unbelastete Art, die Welt zu sehen, miteinander verbunden. Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch. Denn Tamino, ein Prinz (zumindest wird das behauptet) unterscheidet sich doch sehr stark von den anderen beiden. Er macht seine Erfahrungen erst im Laufe der Oper und lernt das Leben kennen. Im Gegensatz dazu ist Rodolfo, obwohl er jung ist, durchaus schon lebenserfahren. Und er ist mehr ein Mensch aus dem „normalen“ Alltag, ein Mensch wie du und ich. Nemorino wiederum ist ein reizender, aber doch eher einfacher Charakter.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass Sie als Bühnencharakter Rodolfo am meisten schätzen.
Benjamin Bernheim: Ja, absolut. Er ist einfach am nächsten zu unser aller Leben.
Und musikalisch?
Benjamin Bernheim: Nemorino wird mich eine Zeitlang begleiten und Rodolfo wahrscheinlich für eine noch längere Zeit. Mit Tamino hingegen mache ich Schluss. Wien ist die letzte Aufführungsserie, dann verabschiede ich mich von dieser Rolle. Das war eine Partie meiner Jugend und ich habe durch und mit ihr sehr sehr viel gelernt. Ich fühle aber, dass es nun an der Zeit ist, sie abzulegen, um Raum für anderes zu schaffen. Für Italienisches und Französisches.
Wenn man in Ihren Kalender schaut, dann haben Sie zuletzt an sich eher wenig Mozart gesungen.
Benjamin Bernheim: Ja, das stimmt. Eben, weil meine Tamino-Zeit ausläuft. Don Ottavio und Ferrando sind ja stimmlich eher leichter gelegte Partien, später kommen für mich vielleicht Idomeneo und Titus. Aber derzeit ist die Auswahl nicht groß. Für Sopranistinnen, Mezzosopranistinnen und Baritone hat Mozart, vor allem in den Da Ponte-Opern, Wesentliches geschrieben. Man findet wunderbare, großartig balancierte Musik, die einen lange begleiten kann. Im Falle der Tenöre gibt es bei Mozart das Äquivalent zu einem Rodolfo oder einen Nemorino nicht. Daher kommt jetzt eine Pause in Sachen Mozart-Opern.
Wenn Sie nun Ihr Repertoire erweitern: Machen Sie das in vielen kleinen Schritten oder setzen Sie einen großen Schritt und warten dann ein paar Jahre, um wieder einen großen Schritt zu machen.
Benjamin Bernheim: Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Denn ich singe mitunter in Konzerten auch einzelne Arien aus Opern, die ich als ganze noch nicht in meinem Repertoire habe. Ich erforsche gewissermaßen das Feld ein wenig, probiere aus, schaue, wie es sich anfühlt und wie es mir mit diesen einzelnen Nummern geht. So habe ich in Konzerten „Pourquoi me réveiller“ aus Werther gesungen, die ganze Oper plane ich aber erst in einiger Zeit in mein Repertoire aufzunehmen. Insofern sind die großen Schritte, wenn ich eine Oper erstmals einstudiere, manchmal gar nicht so groß, weil es davor schon etliche kleine Arien-Schritte gegeben hat.
Doch abgesehen von kleinen und großen Schritten: Setzen Sie sich ein großes Ziel, so eine Art Meta-Ziel, das über allem steht und das über viele kleine Zwischenstationen erreicht wird? Zum Beispiel: Otello in 15 Jahren.
Benjamin Bernheim: Es gibt sehr viele Ziele in meinem Sängerleben. Im deutschen Repertoire würde ich gerne in zehn oder 15 Jahre den Lohengrin singen, wobei es da vieles gibt, was davor passieren soll: Der Flamand in Capriccio zum Beispiel ist eine Partie, die ich unbedingt gestalten will, ich liebe diese Oper ganz heiß! Derzeit denke ich im italienischen Fach weniger an den Otello, sondern eher in Richtung Ballo in maschera, auch da sehe ich mich in etwa zehn Jahren. Und alles, was ich derzeit im entsprechenden italienischen Repertoire singe, geht ein wenig in diese Richtung. Im Bereich des Französischen ist natürlich der Hoffmann ein Ziel, doch wenn, dann muss es in der richtigen Fassung sein. Denn Les Contes d’Hoffmann ist für den Tenor ein langer Abend und man muss schon die richtigen Striche finden, damit die Vorstellung auch für den Hoffmann-Sänger ein erfreulicher wird. Es gibt aber auch noch das russische Repertoire, da habe ich bisher nur den Lenski in Eugen Onegin gesungen, das möchte ich auch nicht ganz ignorieren. Sie sehen, es geht weniger um ein großes Ziel als um viele unterschiedliche, die alle ihre Herausforderungen und Schönheiten haben.
In einem Interview in Zürich meinten Sie, dass die Bohème-Aufnahme mit Freni und Pavarotti unter Karajan eine der wenigen ist, die sie vorbehaltlos akzeptieren. Warum gerade diese?
Benjamin Bernheim: Früher hatte ich ja mehr Zeit, mich unterschiedlichen Aufnahmen zu widmen und mir einen guten Überblick über bestehende Aufzeichnungen zu verschaffen. Warum gerade diese? Ich meinte im Interview, dass diese – was für eine wunderbare Besetzung! – für mich jene ist, der ich mich am nächsten verbunden fühle. Das ist gar keine besser-schlechter-Bewertung, sondern einfach nur ein Gefühl der Verbundenheit. Ich habe sie sehr oft gehört, noch vor allen anderen Einspielungen. Abgesehen davon, Karajan… damals war er, was diesen Stil betrifft, am Höhepunkt!
Nun singen Sie derzeit verstärkt Nemorinos und Rodolfos. Versuchen Sie dabei jedes Mal einen neuen Aspekt einzubringen, um auch nur die Gefahr einer Routine zu vermeiden oder stellt sich diese Frage nach Routine für Sie ohnedies nicht?
Benjamin Bernheim: Für mich kann es ja derzeit gar keine Routine geben. Weil ich von Stadt zu Stadt springe, von Opernhaus zu Opernhaus. Jetzt bin ich gerade in Zürich, davor war ich in Paris, in London, ich fahre nach Wien, und immer stehe ich mit anderen Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne. Durch die unterschiedlichen Produktionen ein- und derselben Oper, die wechselnden Besetzungen, die jeweiligen Häuser und so weiter ändern sich so viele Umgebungsvariablen, dass es ganz automatisch immer neue Abende werden. Würde ich eine Produktion an einem Haus mit immer denselben Kollegen gestalten, dann wäre es etwas anderes. Aber so muss ich mich immer ändern, um auf die Gegebenheiten zu reagieren. Wenn ich mit einer anderen Partnerin singe, dann ändert sich durch ihren Einfluss auch mein Gesang etwas. Ebenso bei Dirigenten, Orchestern! Abgesehen davon entwickle ich mich ja auch. Der Benjamin Bernheim vor drei Jahren hatte andere Stimmfarben und Ansichten als der heutige Bernheim. Und in drei Jahren wird wieder alles anders sein. Insofern ist Routine keine Sache, über die ich nachdenken muss. Es ist ja auch so, dass ich zwar immer sehr gut vorbereitet bin, es aber damit nicht übertreibe. Ich versuche aufmerksam zu bleiben und auf das zu reagieren, was mir in der Zusammenarbeit mit anderen begegnet. Und dann neue, passende Farben zu finden.
Die genannten Farben: Passieren sie einfach oder suchen sie konkret nach ihnen?
Benjamin Bernheim: Einerseits: Die Farben passieren, weil sie passieren. Durch die unterschiedlichen Repertoirebereiche ergeben sich einfach gewisse Schattierungen. Gleichzeitig steuere ich natürlich ganz bewusst einzelne Farben an und suche nach ihnen; das bezieht sich aber auf die gesamte Bandbreite der Interpretation: Ich experimentiere und probiere im Vorfeld einer Produktion beziehungsweise bei den Proben vieles aus. Hier eine Pause etwas länger oder kürzer; dort eine Note mit einem Crescendo oder Decrescendo. Ich bin immer auf der Suche nach Neuem. Doch was auch immer ich mache, welche Färbungen ich auch immer einsetze: Stets sind es meine Farben!
Ihre Farben setzen Sie bei unterschiedlichsten Produktionen und Stilen ein: So arbeiteten Sie etwa auch mit William Christie, einem Vertreter der historischen Aufführungspraxis, bei den Salzburger Festspielen. Kann man sagen, dass sich im Laufe der letzten Jahre die hohen Wälle zwischen den unterschiedlichen Interpretationsarten ein wenig gesenkt haben?
Benjamin Bernheim: Ich habe über dieses Thema mit William Christie gesprochen – wir machten gemeinsam Il re pastore – und er meinte, dass er noch vor einigen Jahren meine Stimme für seine Art der Interpretation nicht akzeptiert hätte. Aber, so meinte Christie, durch seine Erfahrungen, die er als Dirigent im Laufe der Jahrzehnte gewonnen hat, wäre er von dieser rigiden Haltung abgekommen. Ich glaube also, dass es genau so ist, wie Sie sagen: Die starren Positionen, die es vor einigen Jahren noch gegeben hat, wurden nach und nach aufgegeben. Ich denke, zum Vorteil aller. Es gibt eben nicht nur eine Art und Weise, Puccini zu singen; es gibt auch nicht nur eine Art und Weise, Mozart zu spielen oder Barock. Wir alle haben heute die Möglichkeit, Musik aus allen Epochen zu interpretieren – und selbst für Spezialisten ist es wichtig, auch ein wenig außerhalb ihres ureigensten Gebietes zu arbeiten. Vor einiger Zeit nahm ich eine CD – Gounods Faust – mit Christophe Rousset auf. Das ist sicherlich nicht sein Kernrepertoire, aber es war eine wunderbare Zusammenarbeit, die uns allen nicht nur sehr viel Freude bereitet hat, sondern auch sehr fruchtbar war. Ich persönlich sehe da keine Grenzen: Natürlich beachte ich die Epoche, in der ein Werk geschrieben wurde; aber innerhalb dieses Bezugrahmens singe ich mit meiner Stimme, und glaube, dass das so auch richtig und sinnvoll ist!
Das Gespräch führte Oliver Láng